Raumwandler – BIPoC zwischen Bühne, Licht und Schatten

In allen Workshops und in den Lightning-Talks-Sessions waren junge Menschen dabei, haben zugehört, mitdiskutiert und gemeinsam gearbeitet. Anschließend haben sie ihre Erfahrungen aufgeschrieben. In diesen Berichten können Sie nun nachlesen, wie die Jugendlichen die Landesfachtage erlebt haben – und was sie mitnehmen.

Ein Erfahrungsbericht von Lael Negash

„Oh, ihr seid ja auch da!“

Der Workshop „Raumwandler“ richtete sich an Menschen, die in Museen, Theatern, Orchestern, soziokulturellen Zentren oder ähnlichen kulturellen Einrichtungen arbeiten. Ziel war es, über die Beteiligung junger Menschen an Kunst und Kultur zu sprechen – und darüber, was das für BIPoC (Black, Indigenous, Persons of Color) in diesen Räumen bedeutet. Die Diskussion wurde geleitet von Courtney und Golden – die beiden sind ehrenamtlich engagiert bei Simama Steh auf e.V.

Zur Einleitung führten Courtney und Golden ein privates Gespräch, ohne die Teilnehmer*innen zu adressieren. Sie fragten einander: „Fühlst du dich gesehen?“ und „Wo fühlst du dich gesehen?“

Erst nachdem sie ihre Perspektiven diskutiert hatten, wandten sie sich zu uns um: „Oh, ihr seid ja auch da!“ Dieser Moment bot den idealen Einstieg in den Workshop, indem er das zentrale Thema – das Gefühl, nicht gesehen oder gehört zu werden – unmittelbar erfahrbar machte.

Vorstellung

Wir stellten uns vor: Wer wir sind, was wir tun, was wir lieben. Unter den Teilnehmenden waren Künstler*innen, Personal aus Museen und Literaturhäusern, Tänzer*innen, Kunst- und Theaterdozierende und Übersetzer*/innen. Viele wollten neue Impulse und Perspektiven für ihr Feld gewinnen. Sylvia, die Gründerin, stellte kurz die Organisation vor, die hinter dem Workshop steckt:

„Simama Steh auf e.V. schafft Räume, in denen junge Menschen sich selbst entdecken und eine Verbindung zu ihren Wurzeln aufbauen können. Wir richten den Blick auf unsere Geschichte, unsere Kultur und die Geschichten unserer Vorfahren.“

„Theater ist für uns nicht nur Aufführung – es ist ein Ort, an dem alle gesehen werden, Zugehörigkeit spürbar ist und Vielfalt gefeiert wird.”

Offen und ehrlich sprechen

Ziel des Workshops war es, die Herausforderungen aufzuzeigen, denen BIPoC in deutschen Kunst- und Kulturinstitutionen begegnen, und zugleich deutlich zu machen, dass durch gegenseitiges Verständnis und respektvolle Begegnungen Chancen für Veränderung entstehen – nicht indem man Gefühle schont, sondern indem man offen und ehrlich über notwendige Veränderungen spricht.

Storytelling

Nach dieser Message und der ersten Reflexionsrunde gingen wir zur nächsten Gruppenübung über: Storytelling mit Bildkarten. Jeder wählte ein Bild aus und erzählte, was es für sie oder ihn bedeutet:

Ein blaues Bild verband eine Teilnehmer*in mit dem Himmel und wie unterschiedlich er je nach dem Ort auf der Welt erscheint. Eine Träne wurde als „Perle der Seele“ beschrieben und mit den Kämpfen in unserer inneren Welt verbunden. Andere Bilder erinnerten an Heimat, Religion oder persönliche Erfahrungen, zeigten Sehnsucht nach Nähe und elterlicher Liebe oder symbolisierten Gefühle wie Einsamkeit, Freude, Identität und Weiblichkeit.

Insgesamt wurde deutlich, wie Kunst tief berühren kann, persönliche Geschichten sichtbar macht und vielfältige Perspektiven eröffnet. Courtney und Golden erklärten die Übung: In Theatern und Kunstinstitutionen hören wir oft dieselben Geschichten. Hier aber war jede Erzählung einzigartig.

Wahre Vielfalt ist nicht nur visuell, sie ist transkulturell und inhaltlich.

Ich habe Dinge gehört, die mir sonst nicht begegnet wären, wie die Perlen-Metapher oder brasilianische Perspektiven auf meine eigene Religion. Solche Geschichten braucht es, auch wenn man sie nicht erwartet.

Dann fragten Courtney und Golden die Teilnehmer*innen:

„Seid ihr bereit, diese Vielfalt in euren Museen und auf euren Bühnen zu zeigen?“

Speed-Dating

In der nächsten Übung, die wie ein Speed-Dating aufgebaut war, haben wir richtig spannende Gespräche geführt. Wir haben fünf verschiedene Fragen diskutiert, immer mit neuen Partner*innen, und versucht, innerhalb von 2 Minuten einen kurzen Konsens zu finden. Courtney erklärte, dass der Grund dieser Übung darin bestand, dass man „manchmal so in einem Bereich drin ist, dass es immer gut ist, eine andere Perspektive zu hören.“

Ich habe aus den Gesprächen unter anderem mitgenommen, dass Kunst, wie zum Beispiel im Theater, eine gute Möglichkeit ist, neue Kulturen kennenzulernen, aber Menschen aus der jeweiligen Kultur aktiv einbeziehen sollte. Gleichzeitig hilft sie, die eigene Kultur besser zu verstehen.

Beim Thema „Kunst und Kultur definieren“ waren wir uns einig, dass Kultur mehr als Oper oder Theater ist – sie umfasst den Alltag, z.B. Essen, Kleidung oder Traditionen. Schließlich diskutierten wir, dass reine Repräsentation nicht ausreicht: Menschen müssen aktiv beteiligt werden, ihre Geschichten sollen sowohl auf der Bühne als auch hinter den Kulissen gehört werden. 

Diskussion

Golden und Courtney haben die Gruppe mit den Fragen „Was bedeutet Kunst?“ und „Warum machen wir Kunst, wie hängt sie mit Kultur zusammen?“ in die Diskussion geführt. In der Diskussion wurden Fragen wie „Was ist Kunst?“ oder „Was ist gute Kunst?“ ebenfalls aktiv hinterfragt: Wer kann eigentlich wirklich entscheiden, welche Ausdrucksformen als Kunst gelten und welche nicht?

Eine weitere Perspektive eröffnete sich: In manchen Ländern, etwa Nigeria, war Kunst früher Teil des Alltags und keine separate Kategorie. Das westliche Kunstverständnis kann daher einschränkend wirken. Gleichzeitig kann Kunst für Aktivismus genutzt werden, weil sie Schutz bietet; manchmal wirkt sie jedoch auch wie eine Ablenkung vom direkten Handeln.

Performative Vielfalt

Vielfalt kann manchmal nur performativ erscheinen. Ist sie wirklich inklusiv, oder richtet sie sich nur an diejenigen, die „Deutsch genug“ sind oder sich leicht anpassen können? Oft erklären Institutionen, sie wollten Vielfalt, doch in der Praxis halten sie am alten Rezept fest. Weitere Teilnehmende brachten ein, dass selbst wenn diverse Menschen aufgenommen werden, sie selten die notwendigen Ressourcen erhalten für bestimmte Projekte.

Vielfalt darf daher nicht nur im fertigen Kunstwerk sichtbar sein – sie muss den gesamten Prozess durchziehen, inklusive Forschung/Recherche, Kreation und Marketing.

Vielfalt ist ein Raum für alle

Courtney und Golden beendeten die Diskussion mit folgender Message: Vielfalt bedeutet, einen Raum für alle zu schaffen. Die Bühne ist groß genug, aber es gibt einen Unterschied zwischen im Licht stehen und im Schatten. Was können Institutionen tun, um ihr Spotlight zu erweitern?

 

 

Den Abschluss bildete ein Spiel, das an die Jubilee-Formate erinnert, bei dem wir provokanten Fragen zustimmen oder ablehnen konnten. Die Übung war gleichzeitig lustig und nachdenklich und machte deutlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann – je nachdem, ob man den Status quo akzeptiert oder dem folgt, was man für richtig hält.

Fazit

Der Workshop war insgesamt spannend und sehr engagiert. Es wurden eigene Perspektiven eingebracht und eine sehr interessante und lehrreiche Diskussion ist daraus entstanden.

Auch ich habe viel mitgenommen und bin überzeugt, dass alle Teilnehmenden neue Ideen oder Einsichten gewonnen haben.

Mehr Rückblicke

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