Ein Erfahrungsbericht von Laura Rößler
Für mich ist Theater ein Safe Place, in dem ich das Gefühl habe, mich ausdrücken zu können. Es ist wichtig für Menschen, einen solchen Ort zu haben, und Viele finden diesen in der Kultur. Trotzdem ist es immer wieder auffällig, dass einige Gesellschaftsgruppen in den Theatersälen, auf den Bühnen, auf Festivals und in Galerien stark unterrepräsentiert sind.
Doch wie kann man Kultur gestalten, so dass sie alle Menschen erreicht? Wie können marginalisierte Gruppen sich in Kultureinrichtungen willkommen fühlen? Und wie können transkulturelle und postmigrantische Perspektiven in der Kunst besser vertreten werden?
Mit diesen Fragen ging ich in den Workshop ,,Nichts für uns, ohne uns!“ hinein. Ich war gespannt, mehr über ein partizipatives Festival herauszufinden, in dem Kultur von Menschen aus marginalisierten Gruppen aktiv mitgestaltet werden konnte. Genauso gespannt war ich aber auch auf die Impulse und Perspektiven der anderen Teilnehmenden – und was ich beim Verlassen des Workshops für mich mitnehmen würde.
„Wo hakt es bei euren Projekten?“ – „Scheiternsbedingungen und Gelingensbedingungen“ – „Fragen an Dorsa und Chiedra“
Diese drei Impulse, die wir während des Input-Teils im Kopf behalten sollten, sah ich auf einer Flip Chart stehen, als ich den Raum im Jugendhaus Mitte betrat. Der Raum war gut gefüllt mit Menschen jeden Alters.
Pünktlich um 14 Uhr ging es los mit dem Input-Teil des Workshops mit Powerpoint-Präsentation. Es wurden zunächst verschiedene Beteiligte des Festivals vorgestellt die drei Personen, denen wir zuhören durften, ebenso wie einige nicht anwesende Kuratoriumsmitglieder.
Da war zum einen Leyla Ercan, die als Kuratorin des Festivals tätig war. Zum anderen waren zwei junge Menschen gekommen, die durch Projekte erreicht worden sind: Dorsa Agahi und Chiedra Okuebo hatten beide als Teilnehmende angefangen und leiteten danach Projekte. Ich habe gespürt, wie begeistert alle drei vom Festival waren und wie gerne sie davon erzählen.
Die Idee des Festivals war es, dass dieses von Menschen aus marginalisierten Gruppen nicht nur besucht, sondern auch aktiv mitgestaltet werden konnte. Ganz in dem Sinne ,,Nothing for us without us“. Der Name des Festivals war: ,,Fluid Identity 2.0“.
Es sollte ein Festival werden, das die Gesellschaft besser abbildet, als es die bisherige Kultur in Hannover tat. Dies wurde auch vor dem Hintergrund des Rechtsrucks als besonders wichtig erachtet. Viele Menschen mit postmigrantischem Hintergrund machten Kunst bisher nur im stillen Kämmerlein. Das Festival aber sollte ein neues Wir erschaffen.
Es begann alles mit dem Antrag im Juni 2023, bevor dann im November der Kickoff stattfand. Im Zeitraum bis zum Festival wurden nun in Workshops Ideen umgesetzt und stille Talente entdeckt.
Man beschäftigte sich mit den Themen Identität, Zugehörigkeit und Kunst. Zudem sollte Diversität auch im Festivalteam abgebildet werden. Ganz wichtig war es allen Beteiligten, dass es keine Scheinpartizipation werden sollte, sondern Wünsche und Ideen umgesetzt werden konnten. Im Oktober 2024 war es dann schließlich so weit. In den drei Festivaltagen durften Menschen von jeder Herkunft und Identität Kunst zusammen erleben, sich darüber austauschen und miteinander eine gute Zeit verbringen.
Allein die Pressekonferenz – in der auch schon Kunst präsentiert wurde – war ein voller Erfolg. Und beim Festival selbst wollten die Menschen abends gar nicht mehr gehen. Die zahlreichen Erzählungen und Videos vom Festival machten mich sehr glücklich. Ich hatte das Gefühl, dass hier Kunst benutzt wurde, um eine Gemeinschaft zu bilden und sonst oft ungehörten Menschen eine Stimme und Einflussmöglichkeiten zu geben. Meiner Meinung nach ist das unglaublich wichtig. Denn nur so können wir zusammen eine offene Gesellschaft gestalten.
Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht die Einzige war, die das Projekt sehr mitgenommen hat. In der Fragerunde zeigte sich ein großes Interesse an dem Festival, weiteren Projekten und an Dorsa und Chiedra.
Wir sprachen unter anderem darüber, wie Dorsa in die Projekte hineingekommen ist und an welchen Projekten sie seitdem gearbeitet hat. Außerdem fragten wir, was Scheiternsbedingungen sind, welche Veränderungen das Festival mit sich gebracht hat, wie Chiedras Rapprojekt aussah und was Bedingungen für ein weiteres Festival wären.
Besonders der Austausch zu letzterer Frage beschäftigte mich im Nachhinein sehr! Einer der besprochenen Punkte war, dass es schwierig ist, passende Räume zu finden, weil viele Orte zu hochschwellig sind. Daraufhin entstand ein Gespräch darüber, wie Räume zu Projekten finden können. Im Verlauf der Diskussion stellte sich sogar heraus, dass eine teilnehmende Person einen Raum zur Verfügung stehen hatte. Das gab mir Hoffnung, da ich das Gefühl hatte, dass Lösungsansätze manchmal weniger weit weg sind, als man denkt.
Trotzdem stimmte mich die Hauptbotschaft dieses Geprächspunktes sehr traurig. Ein weiteres Festival in diesem Umfang ist erstmal schwierig umzusetzen, da es große Kürzungen bei den Geldern für derartige Kulturprojekte gibt. Es wird im kleineren Umfang weitergemacht, aber gerade weitere große Projekte wären meiner Meinung nach sehr wichtig!
Denn dieses Festival hat klar positive Veränderungen gebracht. Man hat auf sich aufmerksam gemacht, neue Netzwerke erschaffen und am allerwichtigsten: Menschen aus marginalisierten Gruppen haben durch das gemeinsame Gestalten von Kultur gemerkt, dass sie Großes bewirken können, und dass ihre Stimme wichtig ist.
Ich hoffe, dass in Zukunft so noch mehr Menschen erreicht werden können!
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