Ein Erfahrungsbericht von Aylin Kühn
Im Rahmen der Landesfachtage Kulturelle Teilhabe nahm ich am Workshop „Jugendorchester – Utopie einer gelingenden Gesellschaft?“ teil. Obwohl ich selbst nur als Kind Klavier gespielt habe und ansonsten wenig Berührungspunkte mit Orchestern hatte, war ich gespannt, ob der Workshop mich dennoch abholen würde – insbesondere mit Blick auf Jugendbeteiligung. Geleitet wurde er von Lisa Sohm von Jeunesses Musicals Deutschland. Neben mir nahmen zwei weitere Personen teil, die beide im musikalischen Bereich aktiv sind.
Der Workshop begann mit einem kurzen Meinungsbild: Auf einer imaginären Linie zwischen „Ja“ und „Nein“ positionierten wir uns zu verschiedenen Fragen. Auf die Frage, ob wir ein Instrument spielen, stand ich allein auf der „Nein“-Seite – beim Thema „Ist Musik wichtig für dich?“ hingegen ordneten wir uns alle eindeutig bei „Ja“ ein. Schnell wurde deutlich, dass musikalische Bedeutung nicht an eine berufliche Tätigkeit geknüpft ist.
Anschließend näherten wir uns dem Begriff Jugendorchester. Wir reflektierten, welche Berührungspunkte wir bisher hatten, und sahen einen kurzen Videoclip, der mir besonders half, ein erstes Verständnis für die Vielfalt und Funktionsweise solcher Ensembles zu gewinnen. Danach analysierten wir ein klassisches Orchesterbild, das uns durch seine stereotypen Darstellungen auffiel: überwiegend weiße Männer, nur wenige Frauen – ein sehr traditionelles und wenig diverses Bild.
Dies führte zu einem Austausch über gängige Stereotype gegenüber Orchestermitgliedern, die von „Streber“ bis „elitär“ reichten. Interessant war für mich die Erkenntnis, dass selbst innerhalb eines Orchesters Rollenklischees bestehen – etwa, dass Bratschist*innen „langsam“ seien oder Blechbläser*innen viel feiern würden.
Im Anschluss widmeten wir uns dem Titelbegriff des Workshops: Utopie. Wir tauschten uns aus, was Utopie für uns persönlich bedeutet, und sammelten positiv besetzte Begriffe wie Sicherheit, Glückseligkeit und Freiheit. Auch diskutierten wir, wo uns utopische Ansätze bereits in der Gegenwart begegnen.
Darauf aufbauend beschäftigten wir uns mit der Frage, was eine gelingende Gesellschaft ausmacht – ein Thema, über das wir problemlos den gesamten Workshop hätten diskutieren können! Der Fokus sollte jedoch darauf liegen, diese Überlegungen auf Jugendorchester zu übertragen.
Hierfür stellte uns Lisa Sohm die Visionen von Jeunesses Musicales Deutschland vor. Zentrale Werte sind Vielfalt, Empowerment und Austausch – Werte, die in einem Jugendorchester besonders wichtig sind, da hier unterschiedlichste Jugendliche und Erwachsene zusammenkommen.
Jeunesses Musicales bietet jungen engagierten Orchestermitgliedern kostenlose Workshops, die musikalische und gemeinschaftliche Aspekte miteinander verbinden. Jugendliche aus ganz Deutschland lernen dort, wie sie sich aktiv einbringen können. Ziel ist es, die oft als hierarchisch wahrgenommenen Strukturen eines Orchesters aufzubrechen und Räume für echte Mitbestimmung zu schaffen.
Ein anschauliches Beispiel verdeutlichte, wie kleine Veränderungen große Wirkung haben können: In einem Jugendorchester übernahm der Orchesterleiter zunächst alle organisatorischen Aufgaben – vom Aufstellen der Stühle bis zum Verteilen der Notenständer. Die Jugendlichen erschienen häufig unpünktlich, und die Vorbereitung wurde für den Leiter zunehmend belastend. Nachdem beschlossen wurde, dass die Jugendlichen ihre Stühle und Notenständer selbst aufbauen, kamen sie pünktlicher und unterstützten sich gegenseitig. Eine scheinbar kleine Form der Beteiligung führte zu einer spürbaren Verbesserung des Gemeinschaftsgefüges.
Neben Angeboten für Jugendliche bietet Jeunesses Musicales auch Fortbildungen für Orchesterleitungen an, um sie darin zu stärken, Beteiligungsprozesse mit Methoden wie dieser zu fördern.
Am Ende des Workshops diskutierten wir, welchen Einfluss Teilhabe auf die persönliche Entwicklung junger Menschen hat und wie zentral Jugendbeteiligung für eine demokratische Gesellschaft ist. Besonders hervorgehoben wurde, dass Beteiligung nicht nur das Selbstbewusstsein stärkt, sondern jungen Menschen auch ermöglicht, Verantwortung zu übernehmen, Gestaltungsspielräume wahrzunehmen und eigene Kompetenzen zu entdecken.
In partizipativen Strukturen lernen Jugendliche, ihre Perspektiven einzubringen, Konflikte konstruktiv zu lösen und gemeinsame Entscheidungen auszuhandeln – Fähigkeiten, die weit über den musikalischen Kontext hinauswirken.
Der Workshop hat mir sehr gut gefallen und mir einen umfassenden Einblick in ein mir zuvor wenig vertrautes Themenfeld ermöglicht. Besonders beeindruckt hat mich zu sehen, wie sich Organisationen dafür einsetzen, Jugendlichen echte Beteiligung zu ermöglichen.
Ich wünsche mir, dass sich möglichst Viele ein Beispiel an Jeunesses Musicales nehmen.
Und ich hoffe, dass zukünftige Workshops noch mehr Menschen anziehen – denn auch ohne musikalischen Hintergrund kann man viel darüber lernen, wie junge Menschen Verantwortung übernehmen, sich engagieren und gemeinsam etwas bewegen können.
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