Ein Erfahrungsbericht von Maya Schediwy
Was hat die Vergangenheit mit dem Jetzt zu tun? Muss an sie erinnert werden? Und wenn ja, wie und wer sollte diese Vermittlungsarbeit übernehmen?
Das sind alles Fragen, die den Teilnehmenden am Workshop „Mitgestalten, Erinnern, Vermittlung: Jugendguides an Gedenkstätten in Baden-Württemberg“ vorher durch den Kopf gegangen sein könnten. Im Laufe der zwei Stunden wurden mit den Workshopleitenden Kathrin Bauer und Bianca Sophie Schmid alle diese Fragen diskutiert und – für mich persönlich zumindest – auch zu guten Teilen beantwortet.
Kathrin ist hauptamtlich Mitarbeitende an der Gedenkstätte Grafeneck, wo sie in engem Kontakt mit den Jugendguides steht. Bianca dagegen hat selbst eine Jugendguide-Ausbildung abgelegt, welche ihr nun ermöglicht, ehrenamtlich am Pädagogik Kultur Centrum Freudental mitzuarbeiten.
Die erste Frage wurde bereits beim Kennenlernen bearbeitet. Dafür wurde uns teilnehmenden Personen eine Schnur gegeben und verschiedene Ja-/Nein-Fragen in Bezug auf Gedenkstätten gestellt. Haben wir einen solchen Ort schon einmal besucht? Haben wir dort schon einmal Jugendbeteiligung erlebt?
Bei letzterem ist mir eindrücklich im Gedächtnis geblieben, dass keine*r Teilnehmer*in schon einmal auf Jugendbeteiligung an Gedenkstätten gestoßen ist. Wodurch die Wichtigkeit des Workshops natürlich schon zu Beginn sehr deutlich wurde.
Nach jeder Positionierung wurden dann die Schnüre zweier Personen mit derselben Antwort verknüpft. Dadurch entstand schon nach drei Runden ein sehr verstricktes Netz mit vielen Verbindungen. Das war für mich der Moment, in dem die Relevanz der Vergangenheit im Heute sehr deutlich wurde! Denn alle Menschen haben irgendwo etwas miteinander gemeinsam und sind dadurch miteinander verbunden. Und nichtsdestotrotz gibt es heute wie damals viel Hass und Ausgrenzung, was immer wieder zu Konflikten führt.
Durch dieses Bild wurde mir nochmals vor Augen geführt, dass Erinnern an die Vergangenheit eine sehr wichtige Arbeit ist.
Doch da stellte sich mir die Frage, wie soll diese Erinnerung geschehen? Und was sind geeignete Wege, um auch junge Menschen an solch einer wichtigen Aufgabe zu beteiligen?
Einen Ansatz dafür haben Kathrin und Bianca präsentiert, als sie die Jugendguide-Ausbildung vorgestellt haben. Sie erklärten, dass es in Baden-Württemberg zwei Wege gibt, um diese Ausbildung zu durchlaufen: Zum einen eine Baden-Württemberg-weite Möglichkeit für Menschen zwischen 16 und 27 Jahren. Diese läuft über die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Baden-Württemberg (LAGG BW) und die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (lpb BW). Zum anderen bieten die Landkreise Tübingen und Reutlingen noch einen zusätzlichen Ausbildungsweg für Personen zwischen 15 und 23 Jahren an.
Während der Ausbildung zum Jugendguide lernen die jungen Menschen viel über die NS-Geschichte, aber natürlich auch, wie sie Führungen vorbereiten und durchführen. Wozu neben den formellen Dingen auch der Umgang mit schwierigen Situationen gehört. Denn für die jungen Menschen sei es nicht immer einfach, sich bei älteren Menschen durchzusetzen – was meist an deren Verhalten liege.
Bianca zum Beispiel erzählte, dass ihr schon mehrfach ihre Kompetenz abgesprochen worden sei. Und dass es auch schon häufiger dazu gekommen sei, dass eine erwachsene Person trotz Ermahnung weiterhin ihr Handy benutzt habe. Dies war ein Moment im Workshop, an dem ich kurz schlucken musste. Denn es zeigte mir, wie ungewohnt und unnormal es noch ist, dass junge Menschen als vollwertig angesehen werden, und dass zum Teil einfach der Respekt ihnen gegenüber fehlt.
Zudem war für alle Teilnehmenden erkennbar, dass die Wertschätzung teilweise sehr mangelhaft, ja ungerecht ausfällt. Ein Beispiel sind die Erzählungen der beiden Leitenden, denn die Jugendguides von Grafeneck bekommen ein Honorar, währen Bianca lediglich ein Eis ausgegeben wird. Das ist in meinen Augen fatal – denn es gibt 80 Gedenkstätten in Baden-Württemberg, welche größtenteils vom Ehrenamt getragen werden. Dies bedeutet, dass unsere Erinnerungskultur von engagierten Menschen wie Bianca abhängt.
Doch was, wenn diese nicht mehr können, oder noch mehr aus älteren Generationen ihre Arbeit in Gedenkstätten aufgeben müssen? Wird unsere Geschichte dann einfach vergessen? Diese Angst blieb bei mir noch nachhaltig sitzen.
Um dieses Problem in ein erstes Meinungsbild zu fassen, wurde im Workshop noch eine Meinungs-Mind-Map erstellt. Alle Teilnehmenden haben darin die folgenden Fragen beantwortet: Wie kann Jugendbeteiligung attraktiver gestaltet werden? Wie kann eine nachhaltige Auseinandersetzung von jungen Menschen mit der NS-Zeit gelingen? Was läuft noch nicht und wieso? Diese Antworten wurden dann auf der abgebildeten Wand geclustert.
Zum Schluss des Workshops wurden alle in zwei Gruppen geteilt, und es gab noch die Möglichkeit zum offenen Austausch mit den Referentinnen. Bei diesem Gespräch kamen vor allem die Themen Multiperspektivität und Grenzen auf. Aber auch das Vorurteil vom alten weißen Mann an einer Gedenkstätte war ein großer Bestandteil.
Mir persönlich zeigte die Diskussion, dass das Image von Geschichte weiterhin verstaubt ist und wiederbelebt werden muss. Aber auch, dass den jungen Menschen damit von vornherein unterstellt wird, dass sie kein Interesse an der gesellschaftlichen Beteiligung hätten.
Doch dieser Workshop war für mich das beste Beispiel, dass Interesse besteht, und dass dieses auch gefördert werden muss. Denn dort vorne saß mit Bianca selbst eine junge Frau, die für ihr Thema brannte und uns Teilnehmenden in einer angenehmen Atmosphäre mitnehmen konnte.
Vielen Dank dafür!
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