Dekolonisierung trifft Jugendbeteiligung: Räume öffnen, Macht teilen

In allen Workshops und in den Lightning-Talks-Sessions waren junge Menschen dabei, haben zugehört, mitdiskutiert und gemeinsam gearbeitet. Anschließend haben sie ihre Erfahrungen aufgeschrieben. In diesen Berichten können Sie nun nachlesen, wie die Jugendlichen die Landesfachtage erlebt haben – und was sie mitnehmen.

Ein Erfahrungsbericht von Aylin Kühn

Im Rahmen der Landesfachtage Kulturelle Teilhabe nahm ich am Workshop „Dekolonialisierung trifft Jugendbeteiligung“ teil. Als geschichtsinteressierte Person war ich besonders gespannt darauf, wie dieses wichtige und komplexe Thema mit Formen der Jugendbeteiligung verknüpft werden kann. Geleitet wurde der Workshop von Naemi Mirene Makiadi und Aminan Ousman-Daouda, beide Mitglieder des interdisziplinären Künstler*innenkollektivs Recollect Collective. Der Workshop war sehr gut besucht und stieß auf großes Interesse.

Das Recollect Collective

Zu Beginn stellten die Referentinnen die Arbeit des 2022 gegründeten Kollektivs vor. Präsentiert wurde unter anderem ihr erstes größeres Projekt: die Neu-Kontextualisierung der Statue Kaiser Wilhelms I. am Karlsplatz im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Denk Mal Nach“. Durch die künstlerische Verhüllung des Denkmals und eine begleitende Tanzperformance wurde auf die kolonialpolitische Rolle des Kaisers aufmerksam gemacht. Ein Videomitschnitt dieser Performance wurde im Workshop gezeigt und berührte viele Teilnehmende spürbar.

Weitere Projekte verdeutlichten anschließend, welche Rolle Dekolonialisierung im künstlerischen und aktivistischen Selbstverständnis des Kollektivs spielt.

Wessen Stimme fehlt?

Darauf folgte eine praktische Einstiegsübung unter dem Titel „Wessen Stimme fehlt?“. Die Teilnehmenden stellten sich dazu in Reihen auf und reagierten auf verschiedene Aussagen, indem sie einen Schritt nach vorne machten – sofern die Aussage auf sie zutraf – oder stehen blieben. Eine der Aussagen lautete beispielsweise, ob man sich in einem Raum schon einmal fehl am Platz gefühlt habe. Fast alle machten einen Schritt nach vorne.

In der anschließenden Austauschrunde reflektierten wir über unsere Erfahrungen und darüber, warum wir uns in bestimmten Situationen willkommen oder ausgeschlossen fühlten.

Besonders vielschichtig war die Diskussion über die Frage, inwieweit sich Jugendliche in den eigenen Arbeitskontexten willkommen fühlen. Einige berichteten von positivem Feedback, andere äußerten Unsicherheit, weil entsprechende Rückmeldungen fehlten.

Die Referentinnen erklärten, dass die Übung verdeutlichen solle, wie koloniale und machtvolle Strukturen bis heute wirken und wie unterschiedlich Zugänge zu Räumen und Angeboten sind. Sie betonten die Bedeutung von bewusster inklusiver Gestaltung – insbesondere für Jugendliche, deren Stimmen häufig überhört werden.

Dekoloniale Projekte

Im Anschluss erhielten wir die Aufgabe, ein eigenes Projekt zu entwickeln, in dem sich Jugendliche aktiv mit Dekolonialisierung auseinandersetzen und daran mitwirken können. Leitfragen waren unter anderem: Wo begegnen uns (post-)koloniale Logiken im Alltag? Wie können wir Räume für Jugendliche tatsächlich zugänglich und beteiligungsoffen gestalten? Für diese Projektentwicklung stand uns eine Arbeitsphase von 45 Minuten zur Verfügung.

Unsere Gruppe begann mit einem Brainstorming zu alltäglichen postkolonialen Denkmustern. Daraus entstand die Idee für das Projekt „You(th) claim it“: ein Beteiligungsformat, bei dem Jugendliche gemeinsam Orte, Straßen oder Plätze identifizieren und umbenennen können, deren aktuelle Namen koloniale Bezüge aufweisen. Ein Schwerpunkt unserer Diskussion lag auf der Frage, wie Jugendliche sinnvoll eingebunden werden können und wie ein solcher Prozess strukturiert sein müsste.

 

Die beiden anderen Arbeitsgruppen stellten ebenfalls interessante Konzepte vor: Eine Gruppe konzentrierte sich darauf, Räume und Begegnungsorte zu schaffen, in denen Jugendliche zunächst eigene Ideen entwickeln können. Die dritte Gruppe entwickelte ein Projekt im Kontext von Museen, bei dem Jugendliche sich mit kolonialer Kunst auseinandersetzen und Perspektivwechsel anregen sollen.

In der abschließenden gemeinsamen Reflexion waren wir uns einig darüber, wie relevant und weitreichend das Thema ist – und dass für die Entwicklung belastbarer Projektkonzepte deutlich mehr Zeit notwendig wäre.

Fazit

Der Workshop vermittelte eindrücklich, wie stark koloniale Strukturen bis in die Gegenwart wirken, und bot zugleich konkrete Impulse dafür, wie Jugendbeteiligung im Kontext von Dekolonialisierung gelingen kann.

Besonders wertvoll fand ich die Verbindung von theoretischem Input, künstlerischen Einblicken und praktischer Projektarbeit.

Der Workshop hat gezeigt: Dekoloniale Perspektiven und Jugendbeteiligung ergänzen sich nicht nur – sie bereichern einander.

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