Fortschritt erfragen! – ein persönlicher Rückblick

„Ehrlich fragen“ – „Ehrlich antworten“ – „Zuhören“ – „Vertrauen haben“ – „Machen lassen“ – diese und ähnliche Worte findet Meike Fechner, wenn sie auf die Landesfachtage Kulturelle Teilhabe 2025 schaut: Ein ehrlicher und persönlicher Rückblick.

von Meike Fechner

Wenn Generationen miteinander sprechen...

Es hört einfach nie auf: Ich, 48 Jahre alt, habe erst vor kurzem mit meiner Mutter, 81 Jahre alt, gestritten und sie gebeten, mir gegenüber öfter mal eine fragende Haltung einzunehmen, statt mein Handeln sofort zu beurteilen: Mehr fragen und persönlich ansprechen, weniger bewerten und in die „richtige“ Perspektive einordnen, das sollte doch der Weg für gute Kommunikation auch zwischen verschiedenen Generationen sein?!

Fragen, ehrliche, offene, ernst gemeinte Fragen sollten beim Thema Jugendbeteiligung im Zentrum stehen. Sie waren deshalb auch ein zentrales Anliegen der verschiedenen Vorträge, Inputs und Formate bei den Landesfachtagen Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg 2025: Jugendbeteiligung.

Ehrlich fragen.

Ehrlich antworten.

Zuhören

Vertrauen haben.

Machen lassen.

Wie gelingt Jugendbeteiligung?

Ehrlich fragen. Ehrlich antworten. Zuhören. Vertrauen haben. Machen lassen. Das sind wichtige Aspekte, die aus Wissenschaft und Praxis, von jungen und lebensälteren Personen immer wieder als Gelingensbedingungen für Jugendbeteiligung genannt wurden.

Ein Beispiel: Im „Silent Talk“, erarbeitet von Charlotte Limmer und Tom Woschitz und ermöglicht und unterstützt durch Starkmacher e.V., durchleben die Teilnehmer*innen dieser immersiven Gruppenerfahrung Jugend, Lebensmitte und Alter anhand einer einfühlsamen Tonspur, die alle Lebensalter verbindet. Auf den Landesfachtagen präsentierten die Starkmacher ihr Konzept, und wir konnten den „Silent Talk“ selbst ausprobieren.

Die auditive Auseinandersetzung mit der eigenen Jugend, der Ausblick ins eigene Altsein, die Fragen an die eigene Gegenwart werden schweigend und individuell reflektiert. Das Fazit als Eröffnung des folgenden Gesprächs ist:

„Vielleicht beginnt das Miteinander nicht mit einer Lösung, sondern mit einer echten Frage.“

Meint es ernst!

Die Einfachheit dieser immer wieder formulierten Botschaft „Fragt nach, habt Vertrauen!“ ist als Eindruck der Fachtage geblieben.

Ernst gemeinte Fragen schaffen Raum für Unerwartetes. Ernst gemeinte Fragen nehmen auch die Antworten ernst. Ernst gemeinte Fragen lassen Platz für unterschiedliche Antworten von Individuen und Aushandlungsprozesse in Gruppen. Ernst gemeinte Fragen sind die Basis für Verständnis und Solidarität und damit für Netzwerke und Verbindungen.

Auch über Generationen hinweg.

Ernst gemeinte Fragen nehmen Bedürfnisse ernst: Was braucht Ihr? Was brauchst Du? Wie möchtest Du beteiligt sein? Was möchtest Du gestalten? Wie stellst Du Dir den Prozess vor? Wie könnte das Ergebnis aussehen? Wie könnte es weitergehen? Wie möchtest Du Dich mit anderen verbinden? Welche Erwartungen gibt es und welche möchtest Du erfüllen? Welche Erwartungen hast Du und wie kann eine Institution sie erfüllen?

Deutlich wurde auch: Jede*r im Raum wünscht sich ernst gemeinte Fragen. Egal wie alt. Gefragt werden heißt auch: gebraucht werden. Gefragt werden heißt auch: nicht übersehen werden, nicht egal sein. Gefragt werden heißt aber nicht, dass man bereits fertige Antworten haben muss.

Ermöglichen

Zahra Albadri schreibt in ihrem Text „Ermöglichen“, den wir beim Abendessen an langen Tischen auf der Bühne des Jungen Ensembles Stuttgart hören durften:

„Ermöglichen heißt, Platz zu lassen –

Auch für Fehler, für Zweifel, für alles, was noch nicht perfekt klingt.

Denn Teilhabe wächst nur dort, wo man laut denken kann,

Das ist für mich Erlaubnis und Aufgabe zugleich.“

Laut denken kann man alleine oder zu mehreren. Es beschreibt die Suche nach Antworten auf ernst gemeinte Fragen und ist nur dort möglich, wo ich mich sicher fühle und Antworten ausprobieren, Aushandlungsprozesse gestalten, neue Ideen entwickeln kann. Hören wir also einander zu und greifen die Gedanken und Ideen auf, um unser lautes Denken zu bereichern.

Genau dies haben die Landesfachtage erreicht: Wir haben neue Gedanken und Ideen, die wir mitnehmen, besprechen und weiterdenken können. Lautes Denken braucht auch Nahrung und Inspiration, und die gab es hier zuhauf.

Eine übersehene Minderheit

Thema Jugendbeteiligung: politisch und gesellschaftlich dringlich!

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani, Autor des Buchs „Kinder – Minderheit ohne Schutz“, zeigte in seinem Vortrag, dass die zahlennmäßige Dominanz von Rentner*innen ein demokratietheoretisches und -praktisches Problem ist und daraus die Dringlichkeit einer Priorisierung junger Perspektiven erwächst.

Kinder und Jugendliche sowie Eltern als Minderheiten zu begreifen, verändert die Perspektive auf ihre Bedürfnisse und die Verpflichtung der Mehrheit, diese in besonderer Weise zu berücksichtigen. Eine Minderheit wird schnell übersehen und überhört.

 

Wir alle sind verpflichtet, ihre Interessen mitzudenken und Schaden von ihr abzuwenden, weil die Demokratie allein dies nicht durch Mehrheiten leisten kann. Die politische und gesellschaftliche Dringlichkeit für das Thema Jugendbeteiligung ist damit also gesetzt. Zugleich werden in der Erforschung der Lebensrealitäten von Kindern und Jugendlichen die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft besonders deutlich:

Der Umgang mit Krisen als Dauerzustand. Die Perspektivlosigkeit von Armut und die Realität einer umfassenden Digitalisierung von Kindheit. Das Wissen um ein Bildungssystem, das dem Alltag von Familien und den Herausforderungen und Chancen von superdiversen Kindheiten nicht gerecht werden kann. All das sind Faktoren, die uns zum Umdenken zwingen.

Hinweis!


Aufzeichnungen der Impulsvorträge von Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani und den New Perceptions sowie des Podiumsgesprächs können Sie sich ab sofort hier in voller Länge ansehen.
 

Fragen, fragen, fragen!

Lösungsorientiert angehen können wir dies alles jedoch nur, wenn wir uns an die elementare Wichtigkeit von Fragen erinnern. Wenn wir nicht fragen, nicht in den Dialog gehen, dann entstehen fertige Rezepte in Ministerien, die nicht zu den Bedürfnissen und Aushandlungsprozessen, zum gemeinsamen, mehrsprachigen, vielschichtigen, lauten Denken vor Ort passen.

Im (Podiums-)Gespräch

Deshalb ist es um so wichtiger, dass Ministerin Petra Olschowski hier auf den Landesfachtagen selbst dabei war: Im Podiumsgespräch diskutierte sie mit geladenen Expert*innen unterschiedlicher Generationen. Dies geschah offen und auf Augenhöhe, mit Neugier auf die Perspektiven und das Wissen sowie die Gestaltungsspielräume aller Anwesenden.

Denn wenn wir fragen und vertrauensvoll aufeinander zugehen, dann können wir gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen Ideen für ein Miteinander der Zukunft entwickeln. Dann lernen Kinder und Jugendliche, dass sie gehört werden, dass sie mitgestalten können, dass Strukturen, Räume, Denkmuster veränderbar sind.

Alles erzählen...

Der Dramatiker Ad de Bont hat gesagt, dass wir Kindern alles erzählen können: „alle grausamen Geschichten, die es auf der Welt gibt. Aber es muss irgendwo Hoffnung sein.“ („Kindertheater braucht Hoffnung“ in ixypsilonzett Jahrbuch 2016, S. 17). Diese Botschaft habe ich auch bei Aladin El-Mafaalani gehört: Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, der Glaube, dass alles nur schlechter wird – das macht uns kaputt, egal wie alt wir sind.

...und Raum für Handeln und Hoffnung schaffen

Für Kinder und Jugendliche müssen wir ein Umfeld schaffen, in dem Raum für Handeln und Hoffnung ist. Er sagt: „Vertrauen basiert auf positiven Erfahrungen der Vergangenheit und ist in die Zukunft gerichtet“. Wenn wir vertrauen, können wir mit Unsicherheiten umgehen.

New Perceptions

Hier kann ich etwas bewirken

New Perceptions, das Jugendkuratorium der privat geführten Bremer Kunsthalle, auf den Landesfachtagen vertreten durch zwei junge Akteur*innen, beschrieb das Selbstverständnis der radikalen Inklusion als offenes, fragendes Miteinander.

„Nicht alle sind sich einig“, aber das ist auch nicht immer notwendig, wenn zuvor alle gehört wurden und der Weg zur Entscheidung transparent gemacht wird. Inklusion heißt hier Miteinander statt Gegeneinander und Abgrenzung. Dazu gehört jedoch, dass es nicht beim Austausch bleibt, sondern auch klar wird: „Hier kann ich etwas bewirken“.

Vieles aus dem Vortrag der New Perceptions fand sich auch in anderen Beiträgen: Die Bedeutung des eigenen Ortes – bei den New Perceptions einfach ein Baucontainer vor der Kunsthalle –, die Unterstützung durch eine hauptamtliche Koordinatorin, die Bereitstellung von Ressourcen für Experimente, ausreichend Zeit und Unterstützung, Flexibilität in der Praxis und Klarheit in der Kommunikation.

Das sind Gelingensbedingungen, die wir alle reflektieren, auch beziffern und transparent machen müssen, wenn wir Beteiligungsprozesse starten und begleiten.

 

Zugleich braucht es undefinierte Budgets, offene Räume und unbekannte Ergebnisse, so dass es echte Partizipation inklusive Entscheidungsspielräume, Gestaltungsmöglichkeiten und Aneignung geben kann.

Diese Freiräume braucht es in Förderinstrumenten, Antragstellung und bei den Vorgaben für Mittelverwendung, Projektzeiträume und Ergebnisse.

Dafür bietet die Kunstfreiheit gute Voraussetzungen, wenn wir Vertrauen in junge Menschen als weitere Prämisse verankern und über eine Pflicht zur Kinder- und Jugendbeteiligung (Minderheitenschutz [sic!]) analog zur bereits geltenden Gemeindeordnung nachdenken.

Effektiv sein

Effekte von ernst gemeinter Jugendbeteiligung sind vielfältig. Sie verändern, wenn sie strukturell verankert und langfristig angelegt sind, die Arbeitsweise der Institution und ihr Publikum. Sie dienen als Motoren für Teilhabe, Kulturförderung und Kulturpolitik gleichermaßen, da sie Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Innovation ermöglichen und zum Erhalt der Institutionen beitragen, indem sie relevant und veränderbar bleiben.

Klar ist auch: für junge Menschen, die in ihrer Freizeit Kulturinstitutionen und ihr Angebot mitgestalten, ist die kollektive Erfahrung wichtig. Es geht auch darum, neue Leute zu treffen und eine gute Zeit miteinander zu haben und Beziehungen als Ressource in einer leistungsorientierten Gesellschaft anzuerkennen. Die Gruppe ist Kollektiv und Korrektiv.

Ein Vorschlag: Gruppen und Gremien der Jugendbeteiligung vernetzen

Wo treffen sich junge Menschen?

Hervorzuheben ist – aus der Erfahrung der New Perceptions, der U25-Förderung des Fonds Soziokultur, dem Jungen Team vom Kulturpass Stuttgart, Veranstaltungen im Kinder- und Jugendtheater u.a. – wie wichtig und bestärkend Netzwerktreffen sind: Wo treffen sich junge Menschen, die an Kultureinrichtungen mitgestalten, mit anderen, die ebenfalls in Beiräten, Kuratorien, Jurys usw. aktiv sind? Wo sind die Landesfachtage für diese Gremien? Das ist eine Notwendigkeit, die im Nebensatz fast unsichtbar blieb.

Solche Netzwerktreffen von Jugendbeteiligungsgremien sind elementar für ein solidarisches Miteinander und das Voneinander-Lernen als Expert*innen. Hier bei den Jungen Landesfachtagen (Arbeitstitel!) könnten sie sich untereinander offen befragen, was schon gut klappt und was noch nicht, welche Bedarfe noch im Raum stehen und wie man einander beflügeln kann. 

Was die „Jungen Landesfachtage“ bräuchten

Dafür braucht es, so habe ich es gehört, Förderung und Unterstützung, um jungen Expert*innen den Rücken zu stärken, ihnen Anerkennung und Wertschätzung entgegen zu bringen.

Immer wieder klar wurde auch: Diverser Input – also eine heterogene, multiperspektivische Zusammensetzung von Beteiligungsgruppen – braucht diversen Outreach – also eine engagierte, zugewandte, ernstgemeinte (da ist es wieder – ernst gemeint!) Ansprache von jungen Menschen an verschiedenen Orten, Schulformen und über unterschiedliche Kommunikationskanäle.

Was bleibt

Vieles ist gelungen bei dieser großen Premiere der Landesfachtage Kulturelle Teilhabe in Baden-Württemberg. Die Tagung war Plattform und Gesprächsraum, hat öffentliche Aufmerksamkeit für die Themen Teilhabe und Jugendbeteiligung geschaffen. Good-Practice-Beispiele und Einblicke in die nicht immer einfache Realität von Beteiligungsprozessen wurden ergänzt durch Beratungsangebote, Literatur, Austauschmöglichkeiten und viel viel mehr. An Ideen mangelt es nicht (mehr).

Die Teilnehmenden sind inspiriert, gestärkt, vernetzt und mit solidarischem Schwung in ihren Alltag zurückgekehrt. Sie treten mit Selbstbewusstsein an die Leitungen ihrer Institutionen, an Förderer, Kämmerer und Partner heran und stellen auch hier offene Fragen, denn alle möchten ehrlich und offen gefragt werden. Und eine Frage an die Stadtkämmerer* und Leitungen könnte sein:

„Was brauchen Sie, um zu diesem Projekt oder dieser Veränderung JA zu sagen?“

Ein großer und ein schöner Auftrag

Zum Schluss nochmal zurück zu meiner Mutter und meinem Wunsch nach einer fragenden Haltung. Fragen, Vertrauen, ernst nehmen – all dies verweist auf Beziehungen. Aladin El-Mafaalani und seine Kolleg*innen haben Grundschulkinder gefragt: „Gibt es an Deiner Schule jemanden, für den Du wichtig bist?“ Und „Gibt es eine erwachsene Person, die daran glaubt, dass Du erfolgreich sein wirst?“

Ich bin sicher, dass wir alle – egal wie alt – Menschen brauchen, für die wir wichtig sind und die an uns glauben. Es liegt auf der Hand, dass Kinder und Jugendliche, die die Welt und sich selbst entdecken, dies umso mehr brauchen. Und dass es unsere Aufgabe ist, solche Personen zu sein. Dafür sind nicht nur Eltern zuständig. Wie schaffen wir also Strukturen, in denen junge Personen erleben, dass wir an ihren Erfolg glauben, ihnen vertrauen und zeigen, dass sie uns wichtig sind?

Ein großer und ein schöner Auftrag!


 

Die Autorin
Meike Fechner
Kulturwissenschaftlerin und Leiterin des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland
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